Ich fange an mir über einige Dinge „bewusst“ zu werden und ehrlich zu mir selbst zu sein.

Jahrelang gab ich meiner Mutter die Schuld an dem was mir passiert ist. Ihr Vater hatte sie in ihrer Kindheit ebenfalls Missbraucht. Ich verstand nicht wie meine Mutter mich bei diesem Menschen lassen konnte, wo sie doch wusste was er tut. Wie konnte sie davon ausgehen das er mir nicht das Selbe antut?

Heute bin ich selbst Mutter einer 6 jährigen Tochter und bekomme regelmäßig Panikattacken, aus Angst meiner Tochter könnte etwas geschehen.

Ich fragte mich, „Hat meine Mutter sich keine Gedanken gemacht?“, „War ich ihr egal?“, „Wieso bin ich ihr egal?“, „Liegt es an mir?“, „Was hab ich falsch gemacht?“

Jahrelang schrie ich es in mich hinein und eines Tages sprach ich es aus…

Seit der Geburt habe ich meine Tochter niemals allein bei meiner Mutter gelassen. Nicht tagsüber und schon gar nicht über Nacht. Der Gedanke ruft auch jetzt noch Ängste in mir hervor. Wundert mich aber nicht wirklich, weil ich erst seit kurzer Zeit weiß, dass mein Leiden im hier und jetzt etwas mit Vergebung und Selbstakzeptanz zu tun hat.

Wie soll man mit etwas abschließen wenn man immer wieder über „Alte Sachen“ grollt?

Das heisst nicht das ich meine Vergangenheit vergessen möchte. Oft habe ich mir das gewünscht und auch viel verdrängt. Geholfen hat das natürlich nicht und die Scheisse kommt natürlich immer dann hoch wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Bei jedem bisschen was aus der Reihe läuft, laufe ich Gefahr wieder in meine Muster zu fallen, weil es immer noch so weh tut wie damals.

Immer wieder heisst es „Du musst dir selbst vergeben können…“. Nur so leicht ist es eben nicht. Also sollte ich den Dingen auf den Grund gehen…

Vor ca. 4 Jahren fragte mich meine Mutter irgendwann, wieso sie niemals auf die Kleine aufpassen dürfte. Oft hatte sie schon „spitze“ Kommentare darüber gebracht, dass ich Schwierigkeiten habe meine Tochter an andere abzugeben. Daher stach sie mit der Frage direkt in ein Wespennest. Es hatte sich viel angestaut, also sagte ich zu Ihr:

„Du konntest nicht einmal auf deine eigenen Kinder aufpassen, wie soll ich dir da meine Tochter anvertrauen können?“

Es war hart… es war gemein, ich habe sie damit verletzt… Aber ich war ehrlich.

Das empfand ich zu der Zeit und auch noch bis vor Kurzem, besonders dann wenn mich wieder Kleinigkeiten ausser Gefecht gesetzt haben und ich mit mir selbst wieder mal nicht zu recht kam. Daran arbeite ich hart, um endlich „frei“ zu sein.

Man kann mich eine schlechte Tochter nennen weil ich meine Mutter so verletzt habe. Man kann meiner Mutter vorwerfen das sie schuld sei und das verdient hat. Niemand hat so etwas verdient. Man sollte niemandem etwas antun, was man selbst nicht angetan bekommen möchte.

Wie würde ich mich fühlen wenn meine Tochter so etwas zu mir sagen würde? Ich fühle mich schuldig und es tut mir weh mich in ihre Lage zu versetzen.

Wenn ich diese Gefühle fühle… Geht es Ihr dann als Mutter mir gegenüber auch so. Fühlt sie sich schuldig wegen dem was passiert ist? Spielt es überhaupt eine Rolle? Man kann es eh nicht rückgängig machen. Also was tun?

 

Um mit sich selbst ins „Reine“ zu kommen, sollte man verzeihen. Auch sich selbst verzeihen…

Ich verzeihe mir, dass ich meiner Mutter weh getan habe. Das war niemals meine Absicht gewesen, denn ich wollte mich und meine Tochter nur schützen. Ich habe es nicht besser gewusst & wollte ehrlich sein. Ob meine Mutter mir verzeiht, dass ist ihr überlassen, denn sie hat ja einen eigenen freien Willen.

Es ist nicht einfach für mich „loszulassen“, aber es fühlt sich richtig an.

„Wut festhalten ist wie Gift trinken und darauf warten, dass der Andere stirbt.“

– Buddha –

Aber es reicht nicht sich selbst zu vergeben. Sich selbst vergeben mag leicht sein… Da sind alle schnell dabei 🙂

Ja… meine Mutter hat mich bei meinem Opa gelassen. Ja er hat mich dann auch sexuell Missbraucht. Wieso hat sie mich dann da gelassen? Wo war sie in der Zeit? Wieso hat sie mich nicht beschützt?

Sie war arbeiten und bei ihrem Lebensgefährten (meinem 2. Täter).

Ich habe an die tausende Unterhaltungen in meinem Kopf mit meiner Mutter geführt um eine Antwort zu bekommen. Es gibt keine passende Antwort solange keine Vergebung in Sicht ist.

Gehen wir mal eine Generation zurück….

Meine Mutter hat mal zu mir gesagt:
„Was meinst du wie es mir geht? Ich habe mich meiner Mutter geöffnet und bekam gesagt „Lass ihn doch, dann habe ich wenigstens meine Ruhe..““

Meine über alles geliebte Oma wusste es? Sie hätte etwas tun können und hat es nicht getan?

OKAY….. Wieso?

Das habe ich auch meine Oma gefragt. Sie war einfach ehrlich und sagte

„Ei Kind… Wo hätte ich denn damals mit meinem geringen Lohn & 4 Kindern hin gesollt? Früher war das net so mit Scheidung und so…“

Ich hasse sie nicht… Habe ich auch nie getan… Wieso? Sie war ehrlich zu mir. Ihr war es egal ob sie in ihrem Ansehen bei mir sinkt. Sie stand zu dem was sie getan hat. Sie hat sich ein Stück weit selbst verziehen und das ist in Ordnung so.

Ich verzeihe ihr auch… Denn sie war ehrlich & für sie war DAS ihr Weg und deshalb liebe ich sie KEIN Stück weniger.

Hasst meine Mutter sie? Hasse ich meine Mutter?

Wir versuchen immer die „Fehler“ unserer Eltern zu vermeiden und machen dann unsere eigenen „Fehler“. Das sind alles Erfahrungen. Und durch Erfahrungen lernen wir schließlich.

Das ist okay. Dafür sind wir ja hier auf dem Planeten Erde gelandet 😉

Ich fange gerade erst an zu verstehen was es heisst „bewusst“ zu SEIN.

Was ist wenn alles OK ist so wie es ist?

Meiner Oma kann ich also verzeihen. Gehen wir mal davon aus, dass sie für sich ihr Möglichstes getan hat um die Situation zu meistern. Sie wusste es nicht besser. Wir lernen voneinander und sie hat eben nur dies gelernt.

Also muss es doch auch möglich sein meiner Mutter zu verzeihen.

Gehen wir Objektiv an die Sache ran. Als ich es meiner Mutter gesagt habe was all die Jahre geschehen ist, sind wir beim 2. Täter ausgezogen.

Sie hat sich für einen anderen Weg entschieden als ihre Mutter. Sie hat etwas anders gemacht, den „Fehler“ nicht wiederholt und Mut gehabt eigene zu machen. Und das ist auch Okay.

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das gleiche zu tun & andere Ergebnisse zu erwarten.“

-Albert Einstein-

Drehen wir weiter die Sicht.

Was ist wenn meine Mutter nur etwas „besser“ machen wollte? Was ist wenn sie so viel gearbeitet hat um nicht mehr finanziell von irgendwem abhängig zu sein? Den Wunsch unabhängig zu sein kenne ich selbst gut genug. Den Wunsch niemandem zu „gehören“ ausser sich selbst. Frei zu sein….

Bin ich frei?

Wollte sie für uns einfach nur mehr? Was ist mit ihrem Lebensgefährten (meinem 2. Täter?) Hat sie es da auch gewusst?

Lassen wir das mal so offen im Raum stehen.

Vielleicht hat meine Mutter auch selbst nur nach der Liebe und dem Halt gesucht den sie selbst nie bekommen hat in ihrer Kindheit. Versucht die leere zu füllen die in ihr herrscht. Ob sie sich und anderen verziehen hat? Ich glaube nicht, denn dafür leidet sie noch viel zu sehr unter dem was gewesen ist. Vergeben ist verdammt schwer. Aber ohne Vergebung wird man nicht frei sein.

Ohne Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, wird man den „Fehler“ immer bei anderen Suchen und niemals wirklich vergeben und niemals wirklich frei sein. Man bleibt in seinem Käfig und rollt die Scheisse immer wieder auf. Muss man erst genug Scheisse fressen um endlich den Käfig verlassen zu wollen?

Meine Mutter hat das Schloss vom Käfig geöffnet doch Ihn nicht verlassen. Noch nicht 😉 Aber sie ist auf dem Weg dort hin.

Ein Schritt Richtung Freiheit. Sie hat Mut bewiesen und wollte etwas ändern, da kommt es auch mal vor, dass man Entscheidungen trifft die man später eventuell bereut. Aber wir sind ja alle nur Menschen. Ich würde ja sagen „wir Leben alle zum ersten mal“, aber dann wäre ich glaube wieder nicht Ehrlich 😉

Nehmen wir an meine Mutter hat nach ihrem besten Wissen gehandelt und hatte niemals die Absicht uns zu Schaden. Das würde bedeuten, dass wir ihr nicht egal waren. Ich nicht und mein Bruder auch nicht. Dass sie das Beste für uns wollte. Was besseres für sich. Wer würde sich das nicht wünschen?

Ich verzeihe meiner Mutter. Sie hat sich etwas getraut und wollte etwas verändern.

Ich hasse meine Mutter nicht. Ich liebe meine Mutter dafür, dass sie „sie“ ist und jetzt liegt es bei mir ob ich weiter mache wie bisher oder ob ich mich weiter Richtung Freiheit bewege.

Vor ca. 2 Jahren habe ich den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen und wir haben uns erst durch den Tod meiner Oma vor ziemlich genau 2 Monaten wieder gefunden. Für mich hat der Tod meiner Oma sehr an meiner Welt gerüttelt. Es brachte mich erneut zum Überdenken meines Lebens.

Ich wache auf und verschlafe nicht mehr mein Leben.

Noch kann ich nicht über meinen Schatten springen und meine Tochter an meine Mutter abgeben. Aber ich schaue mit einem anderen Auge auf das Ganze und werde mein bestes geben um weiter Klarheit hinein zu bekommen.

Zum Hinterfragen führte mich mitunter dieses Video von „Byron Katie“. Ich kann es auf so viele Situationen Umlegen. Es ist erstaunlich und nach 18 Minuten sass ich heulend davor und fing an zu schreiben. Viel Freude und Erkenntnisse beim schauen 🙂

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