Ich war ca. 11 Jahre alt als ich mit meiner Mutter an unserem 6 -eckigen Esszimmertisch sass und Döner aß. Meine Mutter schien nicht sonderlich ausgeglichen zu sein. Es kam zur Sprache, dass sie sich von ihrem Lebensgefährten trennen wollte. Da mit dem heran wachsen von mir und meinem Körper, von meinem Täter auch immer mehr Übergriffe einhergingen und die Situation für mich immer weniger auszuhalten war, sah ich für mich die Chance meine Mutter in Kenntnis zu setzen.

Aber wie sagt man so etwas. Ich konnte vor Scham und Demut kaum sprechen. Ich brachte nur ein „Dann lässt er mich vielleicht endlich in Ruhe…“ heraus. Ein Handbuch für „Sexuellen Missbrauch mitteilen für Dummies “ hatte ich in noch keinem Laden gesehen.

Mein Herz klopfte wie wild und ich wusste nicht wo ich hinschauen sollte. Gleichzeitig schossen mir so viele Gedanken in den Kopf.

„Was hatte ich nur grade gesagt… Sie wird nachfragen und du wirst es erzählen müssen“, gleichzeitig  dachte ich „Scheisse was ist wenn sie nicht fragt, dann endet das ganze nie. Nochmal kann ich mich nicht mehr Überwinden was zu sagen“.

Ich hatte Angst vor dem was kommt. Immer wenn Jemand aus meiner Familie sauer auf mich war wurde ich „gestraft“ mit Ignoranz. Sprich „Verhältst du dich richtig, so wie ich das will, dann ist alles ok. Ansonsten droht dir Liebesentzug.“ Gesagt wurde es so nie. Aber umso mehr hab ich es gespürt.

Meine Mutter sagte mal „Dich hätte man schlagen können, es hätte dich nicht gejuckt. Aber wehe jemand ist böse auf dich. Dein Bruder ist das komplette Gegenteil von dir.“

Heute ist mir bewusst wie der Ex- Lebensgefährte meiner Mutter das zu seinem Vorteil ausgenutzt hat. Das erklärt wieso mein Bruder sich auch eher mit ihm angelegt hat als ich und auch das ein oder andere mal eine gefangen hat. Ich hab mich nicht getraut mich irgendwie falsch zu verhalten. In diesem Fall war falsch immer etwas anderes. Was heute richtig ist, ist morgen falsch. So hab ich früh gelernt, dass ich Liebe nur bekomme wenn ich „lieb“ bin und ich mich nicht auf die Aussagen anderer verlassen kann bzw. Vertrauen nur was für ganz mutige ist. Also habe ich ohne mich grossartig zu wehren, gemacht was gefordert wurde. Was nicht heisst das ich nicht gekämpft habe. Innerlich bin ich oft in die Schlacht gezogen. Äusserlich hat es bis zu dem Tag nicht mal für ein „Dann lässt er mich vielleicht endlich in Ruhe“ gereicht. Ich war es gewohnt still zu leiden.
Auch heute hab ich da noch meine „Methoden“ mich aus der Situation zu flüchten. Mein Verstand spaltet sich ab und ich stelle auf „Autopilot“ bis es vorbei ist. Aber wann ist es vorbei wenn der Terror im Kopf nicht endet, weil die Bilder sich immer wieder aufdrängen? Spontan fällt mir mein Fernseher mit dem eingebrannten Bild ein. Nur ist es dort immer vorhanden und bei mir nur wenn man bestimmte Knöpfe drückt. Die sogenannten Trigger. In diesem Fall wird mein Verhalten auch für mich unberechenbar. Mal schalte ich auf Autopilot und mal breche ich in Panik aus oder/ und werde aggressiv. Es reichen nur bestimmte Gerüche wie, eine bestimmte Pfeifentabak- Sorte oder ein bestimmtes Rasierwasser. Jeder kennt es wenn man irgendwo steht und denkt „Hier riecht es nach -Geruch XY-„. Für mich bricht in solchen Fällen meine „heile Welt“ zusammen. Schlagartig zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Mischgefühle von Scham, Ekel, Panik und Ohnmacht machen sich breit und ich erlebe die Situationen im Zeitraffer in meinem Kopf erneut & innerlich sterbe ich fast vor Schmerz. Es ist keine einfache Metapher. Es tut wirklich weh. Ich empfinde körperlichen wie seelischen Schmerz.
Auch heute mit 29 Jahren , seit 4 Jahren regelmässig zur Psychotherapie, passiert es mir noch oft genug. Schlimm sind auch bekannte Situationen die mal Triggern und mal nicht. Somit lebe ich immer in der Angst „Bitte nicht jetzt“. Gerade beim Sex drängen sich die Bilder gerne auf. Es ist nicht angenehm seinem Partner sagen zu müssen, wieso man gerade beim Sex völlig panisch in Tränen ausbricht. Ich habe für mich herausgefunden, dass ich stark auf Trigger reagiere, wenn meine Psyche eh durch alltäglichen Stress angeschlagen ist. Somit bin ich in, eh schon schwer zu bewältigenden Situationen, ganz schnell mal von jetzt auf gleich ein Paar Tage bis Monate zu Wenig bis Garnichts in der Lage. Auch das ist unberechenbar für mich und auch für Freunde, Familie, Bekannte und auch Arbeitgeber.
aber vorerst genug Hintergrundinfos, später mehr dazu…

Was ich heute erst verstehe ist, dass meine Mutter wegen ihrem eigenen Missbrauch von ihrem Vater, hellhörig wurde bei dem Satz den ich grade so raus gebracht habe (Da ihre eigene Mutter als sie sich Ihr geöffnet hat gesagt hatte „Lass ihn doch, dann hab ich wenigstens meine Ruhe„. Das wusste ich da aber noch nicht. Ich weiss auch nicht ob es mir leichter gefallen wäre wenn ich es gewusst hätte).

Meine Mutter schaute mich an und stellte mir glaube einige Fragen. Ich kann mich überwiegend nur an die Übelkeit und negativen Gefühle erinnern die ich kaum aushalten konnte. Ich wollte im Boden versinken. Was ich noch weiß ist, dass die Frage kam „War er der einzige der das gemacht hat?“

Das ließ mich hellhörig werden. Die Frage kannte ich von meinen Missbräuchen. Von beiden Seiten. Vom Ex meiner Mutter wie auch von meinem Opa. Wenn ich heute ein Wort für meine Gedanken finden müsste wäre es wahrscheinlich „Verschwörungstheorie“ mit einem fetten Fragezeichen.

Wie kann es denn sein, dass mir alle drei die gleiche Frage stellen? Was mich lange in der Annahme ließ das meine Mutter es geahnt haben muss. Was ich ihr auch lange Vorgeworfen habe. Mehr dazu Teil 1 – Vergebung und Ehrlichkeit

Aber mal im Ernst. Viele Jahre habe ich darüber nachgedacht wie es sein konnte das mein Opa wie auch der Ex meiner Mutter zu ahnen schienen was vorgeht. Ich habe mit meinem Bruder irgendwann drüber Witze gemacht, ob Kinderficker sich untereinander erkennen. Ich wäre auch heute noch dafür, dass man ihnen ein Merkmal verpasst um sie besser unterscheiden zu können. Eine Armbinde vielleicht, wie sie Blinde hin und wieder tragen. Nach und nach kam dann raus das der Ex meiner Mutter von ihrem Missbrauch vom Vater wusste. Das erklärt die Frage vom Ex, aber nicht von meinem Opa. Sie wussten spätestens nachdem ich beide Informiert hatte, das der „Andere“ es tut.

 

Meiner Mutter habe ich erst mal nur ein paar Fragen beantwortet. Sprechen hätte ich eh nicht können, weil mein Hals wie zugeschnürt war. Sie wusste am Ende des Tages, dass ihr Lebensgefährte auch meinen Bruder Missbraucht hat. Über die „Übergriffe“ an sich konnte ich ihr erst mal nicht viel sagen. Sie kam auf die Idee, dass ich es Aufschreibe, da ich absolut nicht drüber sprechen konnte. Soviel ich weiss wurde das Buch in das ich die Taten geschrieben hatte, viele Jahre später beim Gerichtsprozess als Beweisstück verwendet.

Zur Anzeige kam es allerdings erst 2006. Dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

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