Am 2. Weihnachtsfeiertag sass ich meinem Vater gegenüber.. Ich war etwas nervös und wenn ich nervös bin, kann ich peinliche Stille nicht ertragen. Also habe ich die meiste Zeit geredet.

Mein Vater sah überwiegend besorgt aus oder traurig… oder enttäuscht… Oder alles zusammen… Es machte sich wieder dieses beklemmende Gefühl breit. Das Gefühl ein Looser zu sein, Alle zu enttäuschen… Ein „Nichtsnutz“ zu sein, der nichts auf die Kette bekommt.

Wie ich schon in einem anderen Beitrag (Nach dem Anfang… ) erwähnt habe:

Er ist ne coole Socke, aber gleichzeitig auch sehr spießig, streng und „autoritär“

Er ist eigentlich ein echt lieber Kerl. Nur irgendwie … wie soll ich es beschreiben? ich bringe mal ein paar Beispiele:

  • Als das mit dem Missbrauch raus kam, hat sich mein Vater wohl mit dem Ex meiner Mutter auf ein Bier getroffen… Mein vertrauen ist dadurch nicht grade gewachsen.
  • Irgendwann als ich bei ihm war habe ich ein Gespräch mitbekommen von meinem Vater und seiner damaligen Lebensgefährtin in dem es darum ging, dass meine Mutter eine Schlampe wäre. Oft genug habe ich mitbekommen, dass ich wieder schlampig angezogen wäre und nach Rauch rieche. Auch über meinen abgeplatzten Nagellack haben sie sich schon beschwert als ich klein war. Es war für mich immer sehr erniedrigend. Noch heute wenn ich zu ihm fahre bin ich völlig nervös. Kleine Anekdote dazu…
Vor kurzem auf dem Weg zu meinem Vater ist mir aufgefallen, dass mein Nagellack stark abgeplatzt war. Ich, spät wie immer, werde hektisch, schreie laut „Scheisse“, bekomme sofort von meiner Tochter zu hören „Scheisse sagt man nicht…“ und überlege völlig entnervt, zurück zu fahren und den Schaden zu beheben… Doch dann fällt mir ein, „ich hab noch Nagellack in meiner Tasche“… Fahre mitten im Ort ad hoc neben ran und mir meine Fingernägel noch zu lackieren… Meine Tochter fragte mich dann „was machst du denn jetzt?“
Tja… man bringt seinem Kind bei, dass es gut so ist wie es ist und es sich von Niemandem etwas anderes sagen lassen soll und ist dann in der Zwickmühle, da das Kind einen dabei erwischt hat wie man nicht man selbst ist 😉
Ich bin ehrlich zu meiner Tochter und bestätige sie so oft es geht in dem was sie tut. Ich wäre ein heuchler sie dann anzulügen.
Und siehe da… Ich fahre nun auch mit abgeplatztem Nagellack dort hin. Nicht gerne, da es nahe zu wie ein Zwang ist, alles möglichst „richtig“ zu machen, damit es keine Angriffsfläche gibt.
Das ist das beste Beispiel, wie man Kindern mit unsanften und unbedachten Worten zeigen kann, dass sie nicht gut sind., wie sie sind.
  • Zu meiner Ausbildung zur Diätassistentin, sagte mein Vater „Hättest du nicht etwas Anständiges lernen können? „
  • Kurz vorm Examen, haben wir uns zum Qutaschen getroffen.. Ich erzähle ihm, dass ich gerne psychologie Studiert hätte und am schauen bin ob das irgendwie machbar ist, da ich nciht mal Abi hab. Und mein Vater entgegnet „Schaff erst mal das was du angefangen hast.“
  • Auch ein sehr beliebtes Thema ist, dass mein „noch“ Ehemann und ich öfter und länger arbeitslos waren/sind. Das hat ja auch Gründe… Infos dazu kommen auch noch… Mal abgesehen davon bin ich jetzt seit über einem Jahr Arbeitsunfähig, also Krank geschrieben. Den Grund dafür habe ich schon wie oft erklärt, aber das will er glaube ich einfach nicht hören oder wahr haben. Deshalb fühle ich mich (auch wenn es nett gemeint ist) angegriffen wenn er sagt „Was dir fehlt ist eine Arbeit, die dir Spass macht“… Ja das wäre auch schön, aber das ist nicht so mein Hauptproblem, da ich an sehr vielem Freude habe und mir auch trotz erlerntem Beruf, nicht zu fein bin Klos zu schrubben… Vielleicht ist es halt doch schwerer mit der ganzen Scheisse von Früher umzugehen als so mancher Mensch denkt?
  • Hatte ich Arbeit, kamen Aussagen wie „Ja dann geh aber auch hin… mach es aber auch wirklich…“ Habe ich immer und werde ich immer aber nicht mehr auf Kosten meiner Gesundheit!
  • Auch Tattoos und Piercings sind immer wieder Thema. worüber ich heute noch lachen kann, ist „Aber die Hände und Arme lässt du dir nivht tattoowieren oder? Was ist wenn du mal bei der Bank arbeiten möchtest?“ Ja genau 😀 Ich und bei der Bank arbeiten… Niemals! Alles nur Verbrecher… (ein nettes Video dazu versuche ich unten einzufügen… Das Ganze hat dazu geführt, dass ich in der Hinsicht nicht mehr alles erzähle. Wenn ich eh nur kritisiert werde muss ich niemandem noch „Kanonenfutter“ geben. Vorallem bei einer Sache die meine Sache ist. Aber auch so kommen noch genug Kommentare wie vor kurzem als ich im Krankenhaus lag , „reicht auch langsam mal mit Tattoos“… immer wieder.. und immer wieder…
  • Wie oft kam wegen allem möglichen „Mach keinen Scheiss“… Man setzt ja grade voraus das ich nur Mist mache.

Das sind nur Dinge die mir spontan einfallen. Auch heute noch fühle ich mich überwiegend angegriffen und in Frage gestellt. Ich hätte mir zu meinem Vater ein anderes Verhältnis gewünscht. Seit dem 2. Weihnachtsfeiertag als wir uns getroffen haben, schwankt mein Gemütszustand wieder mehr. Ich merke, dass ich weniger Kraft habe. Es zehrt an mir und ich hab so manches mal hier gesessen und wollte schreiben (zum verarbeiten) und es wollte einfach nicht klappen. Die meiste Zeit habe ich damit zugebracht mich emotional in der Waage zu halten. Soweit auch mit Erfolg. Aber ich habe viel nachgedacht und verarbeitet wo ich konnte. Die Infoflut kommt dabei oft schneller als mein Kopf arbeiten kann.

Ich fühle mich oft wie der letzte Looser.

Mein Vater hatte mir mal gesagt, dass er es schade findet, dass sein Verhältnis zu seinem Vater nicht besser gewesen ist. Schade, dass es bei uns ähnlich ist.
Als ich geboren wurde und mein Vater es seinem Vater sagte, war mein Opa grade ein Regal am anbringen. Er reagierte auf meine Geburt als hätte mein Vater sich einen Gebrauchtwagen gekauft… (Meinem Vater seine Worte, nicht meine.)

Ich kam mir schon immer irgendwie ungewollt und fehl am Platz vor..

I wish I was special…
But I’m a creep, I’m a weirdo,
What the hell am I doing here?
I don’t belong here.

Des öfteren wurde mir schon gesagt, dass ich mein Kind ja ständig fragen würde ob alles in Ordnung ist. Das liegt wohl daran, dass mir das Wohl meines Kindes das aller wichtigste ist. Und seit Kurzem auch mein Wohl. Mich kostet es viel Mühe gegen die Angst, eine schlechte Mutter zu sein, anzukämpfen und einfach zu spüren ob es ihr gut geht. Ich vertraute meinem Gefühl nicht wirklich, da alles in Frage gestellt wurde und wird, was ich tue. Ich kann und will die Menschen um mich rum nicht ändern. Aber ich kann mich ändern… Mein Denken und die Art mit Schwierigkeiten umzugehen. Also erinnere ich mich an Dinge die ich gut finde, die ich tue und vorallem, dass ich ein wunderbares Kind habe.

Oft hat sie mich schon gefragt wenn ich böse auf sie war „Mama, hast du mich noch lieb?“

Meine Antwort ist immer die Gleiche, auch wenn ich höllisch sauer bin.

„Ich habe Dich immer lieb, egal was du tust..“

Und manchmal füge ich auch hinzu „auch wenn du mir grad tierisch auf den Sack gehst“ 😀

Wir haben einen rauen aber liebevollen Umgang miteinander. Man kann mich jetzt verurteilen, dass wir so miteinander Sprechen… Aber es ist wesentlich authentischer, als jedes rum geeiere weil man nach den Worten sucht.

Sich für sein Kind zu verstellen, ist nicht die Lösung. Ich versuche ihr zu vermitteln, dass ich sie bedingungslos liebe. Nicht so wie es bisher viele Männer mit mir getan haben.

Verstellen wir uns gegenüber unseren Kindern, lernen sie sich zu verstellen… Somit ziehen wir kleine Marionetten gross die nicht wissen wer sie sind!

Aber die Angst, so gerne ich sie weg manifestiere, ist hinterlistig. Sie kommt oft dann, wenn ich grade eh „geschwächt“bin. Ich verliere mein Selbstvertrauen und die Welt wirkt bedrohlich. Ich habe das Gefühl nichts zu schaffen. Meine Empathie, die mich spüren lassen würde wie andere auf eine Situation reagieren und wieso, lässt deutlich nach. Geht es mir schlechter, ziehe ich mich zurück, da ich Angst habe jemandem zu Schaden, im weg zu stehen oder ihn ohne wirklichen Grund anzumotzen (liebevoll bezeichne ich es gern als „über jemanden drüber fahren wie Hitler über Polen“. Um hilfe bitte ich so gut wie nie. Zu oft wurde ich vor den Kopf gestoßen und mir wurde gezeigt, dass wenn ich jemanden brauche, eh niemand da ist, oder im Gegenzug etwas verlangt wird. Dankbarkeit ist für mich selbstverständlich, darum geht es nicht.

Ich habe aber schon einiges dazu gelernt. Ich merke wie ich in kurzer Zeit, grosse Fortschritte mache.

Am 2. Weihnachtsfeiertag, als ich den Blick meines Vaters versucht habe zu deuten und er meines Erachtens, traurig, besorgt oder/ enttäuscht aussah, fielen mir Byron Katie wieder ein.

Ich konnte nicht zu 100% sagen das mein Vater wirklich so empfand. Es war das was ich in dem Moment von ihm halten wollte. Das was ich empfand.. das was ich dachte. Ich habe umgedacht und habe gemerkt wie sich die innere Anspannung wieder etwas löste. Ich begegnete meinen Gedanken und kehrte sie um. Es war immernoch sehr anstrengend für mich, aber ich bin diesmal nicht in das extreme „Tief“gerutscht wie sonst….

Fortsetzung folgt… 😉

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