Was würdest du tun?
Ich möchte mal einen Denkanstoß geben…

 Meine Tochter ist in der 1. Klasse und von naturaus eher eine schüchterne Maus. Sie wurde in der Schule beleidigt von einer Mitschülerin, dass sie dumm wäre und deswegen nicht mit ihr spielen will. Ich hab mit ihr gesprochen und erfahren, dass sie sich deswegen fürchtet in die Schule  zu gehen. Ich habe ihr erklärt, dass es immer mal wieder vorkommen kann, sie solle drüber stehen und das dieses Mädchen vielleicht einfach nen schlechten Tag hatte und sie es leider abbekommen hat.

Tage lang ging sie nicht gern zur Schule . Ich selbst weiss wie es sich anfühlt. Und ich hab nie das Selbstbewusstsein  erlangt um drüber zu stehen.

Ein paar Tage später sassen wir im Auto  vor der Haustür und wollten rein gehen. In diesem Moment läuft dieses Mädchen mit ihrer Mutter an uns vorbei. Meine Tochter sagt es mir und  ich habe kurz überlegt was ich mache. Die Frau ging mit der Tochter in den Frisörladen über dem ich wohne. Ich fragte sie ob ich mit der Mutter reden solle und sie nickte.

Ich bin in den Frisörladen gegangen und habe gefragt ob dieses Mädchen „so und so“ heisst. Die Mutter sagt „ja“ und ich sage der Mutter, dass  ihre Tochter meine Tochter beleidigt hat und das sie bitte doch mal mit ihrer Tochter  reden solle und erkläre dem Mädchen, dass es nicht schön war und wie sie es findet wenn sie jemand beleidigt. Ob sie dann gerne zur schule gehen würde…

Nach dieser höfflichen aber bestimmten Ansprache, hab ich gesehen das meine Tochter sichtlich erleichtert ist, weil sie gesehen hatte das ich das Selbstbewusstsein hatte anzusprechen was mich stört und für andere einzustehen. Sie ging wieder gern zur Schule und die Sache hatte sich erledigt.

Einige Zeit später kam meine Tochter von der Schule und als sie die Treppe hochkam, fragte ich wie so oft „wie wars in der Schule?“

Sie schaut mich an und hatte Tränen in den Augen. Als ich nachfragte was denn los ist, fing sie an zu weinen und erzählt mir das sie eben ein Junge auf dem Heimweg vom Bus geschlagen hat und sie als  „Loser“ beschimpft hat.

Ich habe Sie erstmal getröstet und überlegt was ich mache. Ich hatte erstmal keinen Plan wie man damit umgeht. Ich habe an ihr selbstbewusstsein appeliert und das sie drüber stehen soll. Man weiss nie was den anderen Menschen dazu gebracht hat so zu Handeln. Sie beruhigte sich und ich wollte das so nicht stehen lassen.

Ich fragte wie der Junge aussah und ob sie ihn öfter sieht wenn sie von der Schule kommt. Sie sah ihn öfter und sie wüsste auch wo er wohnt. Sie wusste aber nicht wie er heisst.

Ich zog mich an und ging mit ihr dort hin wo sie glaubte das er wohnt. Wir mussten garnicht weit laufen denn wir sind quasi fast Nachbarn. Es gestaltete sich etwas schwierig denn es war ein Hof mit zwei Mehrfamilienhäusern.

Ich war erstmal Ratlos. Ich konnte doch nicht einfach überall klingeln und was sollte ich dann sagen?
Wieso eigentich nicht? was soll ich denn machen wenn ich jemanden suche?

Und fragen kostet ja nichts. Ich hatte ja nicht vor zu klingeln und dann kichernd weg zu laufen.

Dann erinnerte ich mich an das Weinen meiner Tochter und dass sie geschlagen wurde. Ich konnte und wollte das so nicht stehenlassen und akzeptieren.

Ich fing an mich durch die Parteien zu klingeln. es machte keiner auf im ersten Mehrfamilienhaus.

Das konnte schon mal nicht sein weil der Junge ja grade irgednwo zu Haus angekommen ist.

Beim zweiten Haus schaute ich nach offenen Fenstern und habe instinktiv dort dann geklingelt. Die erste Frau sprach nur schlecht Deutsch, verstand aber das ich sie fragte ob sie einen Sohn hat der in die Grundschule geht. Sie verneinte.

Ich klingelte weiter und fand dann eine türkische Frau mit zwei Söhnen. Sie rief beide und ich fragte meine Tochter ob und wer es war. Sie sagte es mir dann sprach ich mit der Mutter. Sagte ihr das sie meine Tochter weinend von der Schule kam und mir sagte das der Junge sie geschlagen hat und einen Loser genannt hatte.

Ich entschuldigte mich für diese unangenehme Situation und erklärte das ich nicht möchte das meine Tochter Angst hat in die Schule zu gehen.

Die Frau hatte vollstes Verständnis und wies ihren Sohn zurecht das man nicht schlägt und vor allem nicht ein kleineres Mädchen. Ich hatte ihr vollstes Verständnis und sie sagte das sie unheimlich dankbar wäre das ich es klar gestellt habe und ihr Bescheid gegeben habe.

Auch dem Jungen redete ich ins Gewissen das er sich mal in die Lage versetzen soll, wie er sich fühlen würde wenn er geschlagen wird und beschimpft wird. Und das dies nicht geht und ich das nicht akzeptiere.

Die Mutter pflichtete mir bei und der Junge entschuldigte sich bei meiner Tochter.

Sie sagte immer wieder das sie es gut findet das ich gekommen bin und man ja nie weiss was die Kinder auf dem Weg vom Bus nach Hause so alles treiben.

Ich bedankte mich das sie so Verständnisvoll war und sie lud mich auf einen Kaffee ein wenn ich mal Zeit habe (wir kannten uns vorher nicht).

Wir sehen uns gelegentlich im Dorf oder an der Bushaltestelle und Grüssen uns immer freundlich.

Ich war zufrieden, souverän gemeistert. Ich war Stolz zu sehen dass ich meiner Tochter helfen konnte. Froh darüber das Eltern Hand in Hand arbeiten können und reden können ohne sich zu streiten und sich verständnisvoll gegenüber treten war wundervoll.

Am schönsten war meine Tochter wieder lachen zu sehen. Wieder sah sie erleichtert aus und hatte keine Angst mehr.

Das liegt jetzt ein paar Monate zurück und vor ein paar Tagen kam Sie von der Schule und erzählt mir das der Junge der sie mal geschlagen hat eigentlic ganz nett ist, er habe heute nett mit ihr geredet ❤

Mich hat es viel Mut gekostet mich dort ohne einen Schimmer durchzuklingeln und eine fremde Frau mit etwas zu konfrontieren, aber es hat sich gelohnt meinen Mut zusammen zu nehmen und für jemand schwächeres einzustehen ❤

In diesem Fall war es meine Tochter…
Zivilcourage sollte sich mehr durchsetzen.

Hätte ich nach meinen Verhaltensmustern gehandelt die ich in meiner Kindheit erhalten habe, hätte ich meinen Kopf eingezogen und gehoft das es bald vorbei ist. Nur hätte ich dann einem kleineren zerbrechlichem Wesen sich selbst überlassen und so habe ich meiner Tochter zeigen können, dass man über alles Sprechen kann und das es Situationen zwar nicht ungeschehen macht, aber Probleme auflösen kann.

Für mich ist es nicht leicht unter Menschen zu gehen. Immer die Gedanken „was werden sie über mich denken.. hoffentlich Urteilen sie nicht… was ist wenn ein Problem auftaucht…“

Ich hasse dieses „All-Eyes-On-You“ Gefühl… ich bin an sich extrovertiert aber nur wenn ich mich sicher fühle. Geht es mir schlecht, ziehe ich mich zurück weil ich mit Problemen nicht umgehen kann.

Meine Tochter soll es einmal besser haben als ich. Soll für sich und andere einstehen und für das was sie fühlt ❤

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