Vor ca. 4 oder 6 Wochen ist mein 2. Täter gestorben ( der Ex-Freund meiner Mutter). Zur Erinnerung, mein erster Täter war der Vater meiner Mutter.

Es war für mich eine sehr aufwühlende Situation als ich es erfuhr. Mein „Noch-Ehemann“ schickte mir ein Foto der Todesanzeige.

Ich sah das Foto und mir wurde auf der Stelle brechend schlecht.

Wieso?

Das wusste ich selbst nicht so genau.

Alles kam wieder in mir hoch. Das gesamte emotionale Güllefass lief gnadenlos über.

Was lief da in mir ab?

Sollte ich nicht eigentlich froh sein, dass  er tot ist?

In meinem höchst persönlichem inneren ethischen Wertesystem, stieß ich an meine Grenzen.

Um das näher zu erklären möchte ich ein paar Gedanken los werden.

Zum Beispiel bin ich gegen die Todestrafe….

Ich sehe keinen Sinn darin, jemandem etwas klar zu machen, indem man ihm etwas vielleicht noch viel schlimmeres antut oder gleich schlimmes.

Jemandem aufzuzeigen, das er etwas „böses“ getan hat, indem selbst etwas „böses“ tut, erscheint mir eher eine Sandkastenlogik zu sein. So wie „Haste jetzt davon… Du hast ja angefangen“.

Es ist doch trotzdem eine Seele die von irgendwem geliebt wurde und ein Recht auf Existenz hat. Eine Seele… Ein Teil  von UNS allen.

Mit dieser Einstellung stehe ich oft allein dar.

Der Bezug zu meinem Fall stellt sich so dar, dass ich mich nicht freuen kann bzw. mich auch garnicht freuen will, wenn jemand stirbt.

Im Gespräch mit meinem Bruder (dem mit IHM ja das gleiche passiert ist) habe ich seine Sicht auf die Situation erfahren. Seine klare Empfindung war „Ich finds gut, dass das kranke Schwein tot ist…“. Ich verurteile meinen Bruder nicht wegen seiner Empfindung. Es ist schliesslich seine Empfindung. Seine Realität.

Klar hat der Ex- Freund meiner Mutter hassenswerte Dinge getan, aber mich über seinen Tod zu freuen ist für mich ethisch trotzdem nicht vertretbar.

Aber abgesehen davon, steckt da mehr hinter meinem Gefühlschaos.

Es stößt mich gedanklich wieder zurück in die Vergangenheit. All die Taten sind wieder  präsent. Körperlich und seelisch als Schmerz spürbar.

Es tut weh… Es ekelt mich an!

ICH ekel mich an. Ich fühle mich wieder klein. Ist es der Impuls „ich muss lieb und nett sein und tun was man von mir erwartet“?

Aber was erwartet man von mir? Das ich trauere? Das ich mich freue?

Nach dem Muster meiner Kindheit fühle ich mich wahrscheinlich schuldig wenn ich mich freue. Abgesehen davon kann ich mir vom freuen auch kein Brötchen kaufen.

Was ist da los?

Seit der Todesnachricht durchbricht „Mallory“ immer wieder und immer öfter meine emotionale Mauer.

Als hätte sie plötzlich das Gefühl eine DarSEINsberechtigung zu haben. Ein imaginäres Einreisevisum, mit kostenlosem Hin- & Rückflug wann immer sie  möchte. 

Ein negatives Feuerwerk der Gefühle.

Erstaunlich das man sich gleichzeitig Emotionsgeladen und Emotionsleer fühlen kann. Oder viel mehr direkt abwechseln. Ich weiss es nicht genau.

Meine nächste Therapiesitzung lag noch weit voraus & ich sprach mit Anja darüber (Die selbst zu diesem Thema einiges zu erzählen hätte 😉 ).

Aus dem Gespräch heraus, kam ich zu dem Entschluss, dass eines meiner Gefühle „Wut“ war.

Ein Gefühl das überwiegend durch „Mallory“ zum Ausdruck gebracht wird.

Wut… Nicht wütend darüber was er getan hatte. Wütend darüber, das er gestorben ist, bevor ich alles was passiert ist, verarbeitet habe.

Es hat mir quasi meine Illusion geraubt.

In meiner Therapiesitzung etwas später, haben meine Therapeutin und ich, dann darüber gesprochen & die Gefühle versucht aufzudröseln.

Natürlich wusste ich insgeheim das ER nicht lebendig sein muss, um geschehenes zu verarbeiten. Aber ich hätte es eben gerne so gehabt. Um ihm gegenüber treten zu können und ihm zeigen zu können das er es nicht geschafft hat mich zu brechen. Das ich immer wieder aufstehen werde, egal wie hart man mich zu Boden stößt. Das ich eine Kämpferin bin, die über ihm steht.

Es war mein wütendes Wunschdenken & meine Illusion die zerstört wurde.

Meine Erkenntnis darüber ist mittlerweile, dass auch diese Version meiner Vordtellung, nicht ungeschehen macht, was passiert ist. Es würde rein garnichts ändern und auch die Genugtuung würde ausbleiben.

Darüberhinaus fragte meine Therapeutin, ob ich traurig wäre, dass er gestorben ist.

Ich wusste erstmal keine Antwort.

Aber mein eigenes ethisches Wertesystem in dem ICH allein, die Regeln festlege, wollte direkt sagen „NIEMALS!“

Traurig sein das der Täter tot ist???

Worüber denn traurig? Das er ES nicht weiter tun kann? Das er ES nicht noch meiner Tochter antun kann? *Sarkasmus off*

lächerlich…

Oder vielleicht auch nicht…

Ich dachte bzw. fühlte drüber nach.

War ich traurig?

Meine Therapeutin fügte hinzu, dass es möglich sei, dass es auch schöne Momente gab.

In dem Moment krampfte sich alles in mir zusammen.

Aber ich wusste worauf sie hinaus wollte…
Mein Vater war da für mich… Zumindest an jedem 2. Wochenende & in den Ferien.

Dazwischen die lange lange Zeit war mein Täter so etwas wie ein Vater für mich.

Ein Vaterersatz…

Er war immer da… Wenn ich von der Schule kam, wenn ich Hilfe bei den Hausaufgaben brauchte & meine Mutter wiedermal auf der Arbeit war.

Er war mein Anlaufpunkt. Der Vater der mir fehlte…

Ich zahlte einen hohen Preis, aber bekam einen Vater, der da war wenn ich allein war. Wenn ich Bestätigung  suchte.

Wenn ich ein Bild gemalt hatte und Lob  und Anerkennung wollte. Wenn ich Hunger hatte, hat er gekocht. Er brachte mich zu Bett und sprach mit mir. Er hörte mir zu.

Er gab mir das Gefühl wichtig zu sein. Dafür nahm ich in kauf was er tat. Das er mich anfasste, wovor ich mich so ekelte. Es war ein „ich gebe dir,wenn du mir gibst“.

So wie man Taschengeld bekommt für erbrachte Leistungen. Eine lästige Leistung… Schlimmer als Zimmeraufräumen und ein Taschengeld das mehr Wert hatte als Geld… Zuneigung und Bestätigung.

Er war ein Vater.. Ein sehr kranker Vater…

War ich traurig über seinen Tod?

Ich weiss es nicht.

Es war nicht alles schlecht.

Wenn man am verhungern ist und nur trockenes Brot bekommt, beschwert man sich dann, dass es kein Kaviar ist?

Ich will nicht sagen, dass ich nicht gelitten habe. Das habe ich mehr als genug und tue es noch heute wenn die Bilder in mir hoch kommen.

Was tut man als 5 jähriges Mädchen, wenn man allein ist und emotional am verhungern?

Dann ist da jemand dem man vertraut und in sein Herz schliesst in der Hoffnung das er einen nicht auch verlässt.

So lernt man schnell Dinge zu tun, die sich nicht gut anfühlen. Die in 6 Jahren fast täglichem sexuellem Missbrauch zur Normalität wurden. Meine Realität. Mein Muster.

Build me a castle made of dreams and lies
Upon the ruins of you and me
When everything I once kept close has died
And call this place reality

A masterpiece to rise and kiss the sky
Go on and never look behind
A saving remedy to mend my heart
A golden prison for my mind


Take me away into my dreams
Into a day without a morrow
Where every moment tastes so sweet
Erase my neverending sorrow

Give me the chance to close my eyes
Let me escape the course of time
Another trip, another lie
For one night



Build me a castle where a cold sun shines
A place to spend eternity

It’s hard to tell what’s wrong when nothing’s right
When hate’s the fuel that feeds what’s left of me
When pain’s the only thing that makes me feel
I bleed to know if this is real



Take me away into my dreams
Into a day without a morrow
Where every moment tastes so sweet
Erase my neverending sorrow

Give me the chance to close my eyes
Let me escape the course of time
Another trip, another lie
For one night


Wake me
When the world slips from my hands
Hold me
When my castle turns to sand
Guide me
When the daylight blinds my eyes
Take me
For I’m not afraid to die


Take me away into my dreams
Into a day without a morrow
Where every moment tastes so sweet
Erase my neverending sorrow

Give me the chance to close my eyes
Let me escape the course of time
Another trip, another lie
A new life.


Wenn man sich nach etwas sehnt & nicht bekommen kann, dann nimmt man das was einem angeboten wird.
Es war nicht alles schlecht… Und ich weiss nicht ob ich traurig bin.

Ich sehe heute den Zusammenhang zu meinem Verhalten von früher zu heute.

Ich nehme wahr was in mir Abläuft und lasse das so stehen.

Ich versuche es nicht mehr zu Werten.

Wut und Schuldzuweisungen haben noch nie dazu geführt das sich jemand besser fühlt.

Ich nehme an, dass nicht alles schlecht war. Zwar ziemlich Suboptimal, aber es sagt mehr über den Täter aus als über mich.

Es war nicht alles schlecht… Ich war nicht schlecht!

Ich BIN nicht schlecht!

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