In den letzten Monaten hat sich wieder einiges angestaut. Ich verstoße gegen meine Prinzipien und bekomme sofort die emotionale und physische Reaktion auf mein Denken und Handeln.

Mir ist irgendwann klar geworden, dass die Erinnerung an die Übergriffe in meiner Kindheit sehr nah an meine Belastungsgrenze gekoppelt sind.

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Sprich: „Achte ich nicht auf mich und meine Bedürfnisse und komme so an meine Belastungsgrenze, kommen die Erinnerungen von damals Hand in Hand mit meiner Angststörung zurück.“

Wie äussert sich das Ganze?

Auf die verschiedensten Arten und Weisen.

Ich möchte dies erzählen und somit einige Blockaden in mir lösen.

Dazu möchte ich ein wenig ausholen, da es für mich ein sehr weites Spektrum an Ereignissen und Emotionen enthält.

Aber wo fange ich an?

Vielleicht damit dass mich vor ein paar Wochen meine gute Freundin ansprach, dass sie das Gefühl hat das es mir momentan mit meiner Arbeit nicht so gut geht. In kurzer Zeit kam das Thema auch bei meinem Freund und meinem „noch Ehemann“ auf.

Ich war nicht ausgeglichen, ich war mürrisch und weinte häufiger. Was in den letzten 2 Jahren immer seltener vorkam und dadurch nicht mehr sonderlich typisch für mich war.

Dies fiehl den Menschen die mir nahestehen auf und sie teilten es mir mit.

Durch mein steigendes Bewusstseinslevel habe ich meine Probleme in den Griff bekommen und wurde wieder „Alltagsfähig“.

Vor über einem halben Jahr begann ich wieder zu arbeiten.

Das ist keine Selbstverständlichkeit für mich. Denn zuvor war ich wegen meiner stark angeknacksten Psyche 2,5 Jahre krank zu hause.

Ein riesiger Fortschritt für mich wieder Arbeiten zu gehen. Ich hatte ersteinmal Angst davor, ob ich das überhaupt schaffen würde, hielt mich aber an meinen neuen Grundsatz..

„Einfach machen, wird schon gut werden!“

Und das tat ich und es wurde gut. Seit einem halben Jahr halte ich mich wacker in meinem Teilzeitjob.

Aber nicht ganz ohne Probleme. Es gab Zeiten in denen ich mehr als die Mindeststundenzahl arbeiten musste aus verschiedenen Gründen. Personalmangel, durch Krankheit oder Urlaub der anderen.

Auch dies habe ich gemeistert ohne grossartig Zusammenzubrechen. Klar musste ich mich immer wieder neu in meine innere Mitte einfinden. Aber es hat geklappt ohne Zusammenbruch.

Bis vor kurzem.

Ich wollte mir auf Biegen und Brechen nicht eingestehen dass ich meine Belastungsgrenze mehr als überschritten habe. Da zeigte sich wieder mein falscher Ehrgeiz.

Als ich mit meinem Freund darüber sprach was mit mir los ist, begann die Unterhaltung noch sehr sachlich.

Aber mehr und mehr kam alles in mir hoch. Und ich weinte, da ich Angst hatte das alles wieder zusammenbricht und ich die Arbeit wieder aufgeben muss.

Seit Wochen triggern mich Verhaltensweisen meines Freundes weil sie mich an die katastrophale Zeit mit meinem Exfreund P.B. erinnern. Dies belastet immer wieder unsere Beziehung und es kommt zu Streitigkeiten.

Dabei bin ich ein Mensch der um alles in der Welt Streit, durch sachliches darüber reden, vermeiden möchte.

Es riss mich immer wieder in meine negative Abwärtsspriale. Aber diese Trigger waren nicht die einzigen.

Down in a hole and I don’t know if I can be saved
See my heart I decorate it like a grave
You don’t understand who they thought
I was supposed to be
Look at me now a man
Who won’t let himself be
Down in a hole, feelin‘ so small
Down in a hole, losin‘ my soul
I’d like to fly, but my wings have been so denied

Ich bekam wieder Albträume und die Bilder aus meiner Kindheit drängten sich immer wieder auf. Nicht nur bei intimen Situationen mit meinem Liebsten sondern auch auf der Arbeit.

Ich wurde unsicher und hatte Angst zur Arbeit zu gehen da der Druck durch fehlendes Personal immer höher wurde und ich drohte unter der Last zusammen zu brechen.

An einem Sonntag nach einem gemütlichen Spieleabend im Wohnzimmer in Marburg war es dann soweit.

Ich selbst kann mich kaum an etwas erinnern. Vieles weiß ich nur aus Erzählungen meines Freundes.

Es stand zur Debatte ob ich nach dem Spieleabend noch mit zu ihm komme oder heim fahre, da ich wieder arbeiten musste am folgenden Tag.

Von der Fahrt zu meinem Freund, weiss ich schon nicht mehr viel.

Ich weiss nicht wie wir zu ihm gekommen sind, ob er gefahren ist oder ich gefahren bin. Ich schien dort schon zu dissoziieren.

Beim kuscheln auf seinem Bett driftete ich wohl völlig ab und begann bitterlich zu weinen. Ich war nicht wirklich ansprechbar, krampfte stark und wiederholte immer wieder die gleichen Sätze wie „Liebst du mich denn noch?“ Und „Ich muss doch nach Hause.“

Mein Freund beruhigte mich irgendwie und ich hörte irgendwann auf zu weinen. Ich weiss noch dass immer wieder Bilder von früher in meinem Kopf aufblitzen und mich immer wieder zum weinen brachten. Ich wusste zwischendurch nicht mehr wo ich war.

Als ich aufhörte zu weinen konnte man mich langsam wieder Ansprechen und ich antwortete wieder, wenn auch eher wenig und langsam.

Mir tat als ich wieder „zu mir kam“ alles weh. Rücken, Kopf, Nacken und besonders der linke Arm. Das schien daher zu kommen, weil ich die Hand meines Liebsten krampfhaft umklammert hatte während ich in Embryonalstellung zuckend da lag.

Ich kann mich wie gesagt nicht wirklich erinnern und wenn eher Bruchstückhaft.

Was währenddessen in mir vorging kann ich auch kaum in Worte fassen. Es gab schonmal solch eine Situation als ich damals mit P.B. zusammen war. Nur im gegensatz zu dieser Situation, schrie mich P.B. an und brachte mich damit dazu das ich panisch schreiend auf der Couch lag und nichts mehr sehen konnte und nur wahr nahm das mich jemand anschrie. Ich konnte zu dieser Zeit nicht zuordnen das dies P.B. gewesen war.

Diesmal war es ähnlich nur schaffte es mein Liebster mich zu beruhigen indem er einfach da war und mich hielt.

Nach diesem „Krampfanfall“ wusste ich das mir alles über den Kopf wächst und ich sprach mit meiner Chefin, dass ich es nicht schaffe so viele Stunden zu arbeiten.

Sie nahm mich sofort für einige Stunden raus und kommenden Monat (diesen Monat) arbeite ich deutlich weniger.

Ich merke wie ich langsam zur Ruhe komme und wieder mehr in meine Mitte rutsche.

Aber ich habe für mich den Entschluss gefasst das etwas ausgesprochen werden will.

Die Bilder von früher haben sich in dieser Situation nicht umsonst gezeigt. Immer und immer wieder.

Being like you are, well, this is something else
Who would comprehend? But some that do lay claim
Divine purpose blesses them, that’s not what I believe
And it doesn’t matter anyway
A part of your soul ties you to the next world
Or maybe to the last but I’m still not sure
But what I do know is to us the world is different
As we are to the world, I guess you would know that
Please don’t go, I want you to stay
I’m begging you, please, please don’t leave here
I don’t want you to hate for all the hurt that you feel
The world is just illusion trying to change you

Für mich ist es Zeit etwas aufzuarbeiten.

Die scheinbar erste Tat meines Opas. Mein erster Täter.

Er war der Vater meiner Mutter. Kein sonderlich liebevoller Mensch. Ich weiss nicht ob ich ihn als Sadist bezeichnen würde. Aber er war jähzornig. Alle in der Familie hatten Respekt vor ihm.

Nicht die Art Respekt die man jemandem entgegenbringt, wenn er ein Tier aus einem brennenden Haus gerettet hatte. Eher die Art von Respekt die auf Angst basiert.

Sassen wir am Mittagstisch ermahnte er uns wenn wir den Ellebogen auf dem Tisch liegen hatten. Hörten wir nicht darauf, nahm er den Arm, hob ihn hoch und ließ unsere Ellebogen auf die Tischplatte schnellen.

Diese Art von Respekt meine ich.

Keiner wollte ihn Verärgern. Oma nahm.uns immer in Schutz wenn wir was angestellt hatten. Sie half uns das Opa es nicht mitbekam.

Dabei stand Oma auch sehr unter seiner Fuchtel.

Wir waren in Sicherheit wenn Oma da war. Sie federte einiges ab.

Aber da gab es noch die Tage an denen sie nicht da war.

Meist legte sich Opa dann zum Mittagsschlaf auf die Couch und ich machte in der Küche Hausaufgaben.

Aber an einem Tag, forderte Opa mich auf mit ihm auf der Couch zu kuscheln. Ich traute mich nicht diesem Mann zu widersprechen und tat was er sagte.

So kam es dann auch dass ich zuließ was er dann tat.

Ich erinnere mich noch genau an den Couchtisch meiner Großeltern. Den hatten sie kurz vorher erst bekommen und waren mächtig stolz auf ihn. Er war aus Marmor und hatte zwei abgerundete Seiten und zwei Spitze.

Ich erinnere mich genau daran. Denn nachdem mein Opa mir die Hose runter gezogen hatte musste ich mich bäuchlings darauf legen.

Der Tisch war kalt und ich hatte Angst. Die Zeit schien still zu stehen und es kam mir ewig vor wie ich so da lag. Mit der Hose um die Knöchel und dem kalten Marmor am Bauch. Ich war noch so klein. Meine kleinen Knie berührten grade so den Boden während ich dort lag. Ich starrte links Richtung Fenster als ich etwas zwischen meinen Beinen fühlte. Etwas weiches leicht feuchtes. Ich hatte Angst. Hinter mir keuchte und stöhnte mein Opa.

Mir wird wieder Übel und ich bekomme starke Kopfschmerzen. Mein Nacken krampft so stark dass ich zwischen durch Pause machen muss beim schreiben.

Ich schaute immer weiter Richtung Fenster und während ich hoffte und wartete das es vorbei geht, verschwimmt das Fenster vor meiner Sicht.

An diesem Tag ist etwas in diesem kleinen Mädchen gestorben…

Alice in Chains – Nutshell
We chase misprinted lies
We face the path of time
And yet I fight
And yet I fight
This battle all alone
No one to cry to
No place to call home
My gift of self is raped
My privacy is raked
And yet I find
And yet I find
Repeating in my head
If I can’t be my own
I’d feel better dead

Ich weiss nicht wie lange das so ging. Und ich weiss nicht wie es endete an diesem Tag. Was mir aber seit dem blieb sind die Erinnerungen daran und dieses Ekelgefühl. Noch heute fühle ich was ich damals Gefühlt habe und um ehrlich zu sein, wünsche ich mir in diesen Momenten, ich wäre tot.

Ab diesem Tag war es die Hölle für mich wenn Oma sagte „Geh mal den Opa kuscheln… Der ist sonst traurig.“

Ich ekelte mich vor dieser Person. Aber ich machte gute Mine zum bösen Spiel.

Damals wohnten meine Grosseltern noch in Berghausen und wir auch, aber am anderen Ende vom Ort. Mein 2. Täter wohnte damals noch in Blasbach. Zeitlich gesehen war es ungefähr die gleiche Zeit wie der erste Übergriff meines 2. Täters. Doch mein Gefühl sagt mir das mein Opa mein erster Täter war. Auch wenn zwischen den Taten eventuell nur Tage oder Monate lagen.

Bald sollte sich sowieso alles nochmal verändern. Denn meine Mutter zog zusammen mit meinen zwei Tätern in ein Zweifamilienhaus. Dort fanden dann die meisten Übergriffe für mich statt…

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